Über einen Rest von echtem Kalk* im Spessart.
 
 

von Joachim Lorenz, Karlstein a. Main

Am südöstlichsten Zipfel des Spessarts liegt als kahle Höhe der unscheinbare Bocksberg,
nahe der Ortschaften Rettersheim und Unterwittbach.  


Bocksberg
Der flache Bocksberg bei Unterwittbach im landwirtschaftlich geprägten, südöstlichen Spessart,
aufgenommen am 16.05.2005

Steinbruchsohle
Hier wurde in einem weitläufigen und sehr flachen Steinbruch Kalk abgebaut.
aufgenommen am 16.10.2005



Lage:
Ehemaliger, weitläufiger und flacher Kalksteinbruch (Unterer Wellenkalk über dem Grenzgelbkalk) auf dem Bocksberg NE Unterwittbach (TK 6123 Marktheidenfeld, R 4080 H 1890, siehe Okrusch et al. 2011, S. 275, Aufschluss Nr. 254). Auf der Straße Kreuzwertheim-Marktheidenfeld bis zur Abzweigung nach Oberwittbach (zwischen km 7 und 6), dort nach rechts in Richtung SE zu der flachen, ausgedehnten Bruchanlage.
Der Steinbruch mit den sehr wenigen und niedrigen Felsen ist sicher seit 1980 oder früher aufgelassen und teilweise verfüllt. Das Geläde ist inzwischen mit einer typischen Kalkflora verwachsen und als Naturdenkmal geschützt. Es wurde dort ein Hochbehälter für die öffentliche Wasserversorgung errichtet. Die beginnende, krautige und sehr kümmerliche Vegetation zeichnet auf der ebenen Bruchsohle das Kluftnetz nach. Auf den wenigen mineralisierten Kluftflächen kann man etwas Calcit erkennen; stellenweise ist auch erdiger Goethit zu finden.

Kalkfelsen
Einer der wenigen noch sichtbaren Felsen von ca. 2 m Höhe
aufgenommen am 16.10.2005

Der Steinbruch ist seit langer Zeit im Abbau. Hier wurden in der Ziegelei im nahen Rettersheim zu den Ziegeln auch der Kalk in einem Schachtofen gebrannt. Die erste Erwähnung stammt aus dem Jahr 1695, als man in den Folgejahren - bis 1803 - für das Kloster in Triefenstein Kalk brannte. Der Kalkstein zum Brennen wurde am nahen Boxberg gewonnen, den man dafür entwaldete. Die daraus entstandene Ziegelei  der Familie Nöth bestand von 1868 bis 1951. Noch 1919 wurde außerhalb des Ortes ein einfacher Schachtofen1 erbaut. Seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts wurde statt Holz zum Brennen Kohle oder Koks verwendet, der mit der Bahn ab Trennfeld geliefert werden konnte. Da der Kalkstein von Bocksberg wenig Eisen und Ton enthielt, konnte auch weißer Kalk zum Tünchen gebrannt werden. Die Verwendung des Grenzgelbkalks mit seinem deutlichen Fe- und Mg-Gehalt führte zum schwarzen Kalk, der zu Mauermörtel verarbeitet wurde (MÜLLER et al. 1998:272ff).


Geologie:
Bei dem grauen, bröckeligen Kalk handelt es sich um ein Sediment des Muschelkalkmeeres, welches vor ca. 240 bis 232 Millionen Jahren hier über dem Spessart lag.
Es überflutete nach der Ablagerung des Buntsandsteines weite Teile des heutigen Deutschlands. Die Ablagerungen beginnen über den obersten (jüngsten) Schichten des Buntsandsteins mit einer auffälligen, gelblichen, harten Lage aus Kalk ("Grenzgelbkalk", die man nicht im Steinbruch selbst, sondern nur auf den umliegenden Feldern als Lesesteine finden kann - siehe auch weiter unten das Foto vom Aufschluss am Zippammerweg). Darauf folgen dünne, merkwürdig wellig aussehende Schichten des Unteren Wellenkalkes (treffender Name!). Diese sondern sehr leicht plattig ab und bilden kam dickere Einzelschichten als 5 cm. Die Schichtoberflächen (bzw. auch deren Unterseiten) sehen durch unregelmäßige, napfförmige Vertiefungen auf den Steinbruchsohle "pockennarbig" aus. Das nach der Verfestigung entstandene Kluftnetz wird durch den sehr spärlichen Pflanzenwuchs nachgezeichnet, da an den Klüften mehr Wasser als auf den kahlen Flächen zur Verfügung steht. Der gesamte Muschelkalk hatte einst eine Mächtigkeit von ca. 100 Meter.

Kluftnetz in der Steinbruchsohle angeschliffener Kalk
Die Steinbruchsohle mit den Vertiefungen (16.05.2005); der Kalk ist im Schliff marmoriert (Bildbreite ca. 10 cm) und zeigt die Spuren
von Rutschungen. Hier geht man auf ehemaligem Meeresboden umher!

Es sind die Ablagerungen eines tiefen Meeres, welches nicht durch Lebewesen umgeschichtet wurden und die durch Rutschungen und unterschiedliche Kompaktion dieses Aussehen erhielten. Der Kalk selbst besteht aus den zahllosen und winzigen Hartteilen von marinen Lebewesen, die nach dem Absterben auf den Meeresgrund sanken. Daraus wurde ein schlammiges Sediment, welches mit zunehmender Dicke zusammensackte und entwässert wurde. Mit dem Anwachsen der Kalkschicht wird der Druck in den darunter liegenden Lagen größer und das Gestein wird auch durch Lösung und Wiederausscheiden von Calcit zu einem festen Gestein. Darüberhinaus kann auch Magnesium zu- oder abgeführt werden.
Kalkbrocken im Steinbruch Kalk, angeschliffen und poliert
Der Kalk ist außen unscheinbar Bildbreite ca. 50 cm); im Schliff rechts offenbart sich ein geflecktes Inneres mit den zahlreichen Rissen, 
Bildbreite ca. 12 cm

Und wie ging es weiter? Nach dem Ablagern von ca. 100 m Kalk wurden nochmals ca. 700 m Sedimente des Keuper abgelagert; ihm folgten die Meeressedimente des Juras. Ob diese jedoch auch im Spessart je vorhanden waren, weiß man nicht, da keine Reste mehr davon zu finde sind. Während des Kreidemeeres war der Spessart bereits sicher eine Abtragungsgebiet.

Die höheren und damit jüngeren Schichten des Muschelkalkes sind hier wegerodiert worden und lassen sich nur noch auf der von hier aus im Osten sichtbaren (bei schönem Wetter) Wand des Kalmut bei Homburg studieren.

Das kleine und heute isolierte im Spessart liegende Vorkommen belegt, dass die Sedimente des Muschelkalkes einst eine größere Verbreitung hatte, als man sie heute noch finden kann. Infolge der ostwärts geneigten Verkippung des Spessarts wurden sie zuerst im Westen wegerodiert, so dass die Ausdehnung nach Westen - bis nach Aschaffenburg? - nur vermutet werden kann.
 
 

Fossilien:
Der Beweis sind die wenigen Fossilien aus Brachiopoden, Schnecken und Seeigelstacheln. Es handelt sich um Steinkerne, bei denen die harte Schale weggelöst wurde und das Sediment im Innern die Form überliefert hat. Sie sind zudem schlecht erhalten und meist verdrückt. Diese fossilen Überreste sind nicht sammelwürdig und infolge des seit langem ruhenden Abbaues sind kaum mehr Funde möglich, da die Fossilien in diesen Schichten des Muschelkalkes selten und die Flächen weitgehend abgesucht sind.

Brachiopodenabdrücke Steinkerne von Brachiopoden
Brachiopoden (?) als Schalenabdrücke (links ca. 14 cm breit), rechts Steinkerne ca. 7 cm breit

Schill-Lage aus Steinkernen
Lage aus einem Schnecken- und Muschelschill mit Seeigelstacheln bestehend aus
Steinkernen. Die eigentlichen Schalen wurden weggelöst, so dass nur noch die
Sedimentfüllungen erhalten sind,
Bildbreite ca. 20 cm. 


Die gleiche Folge von Sedimentgesteinen sind auch im großen Steinbruch des Zementwerks in Lengfurt aufgeschlossen.

Kalksinter
Gelblicher Kalksinter in rundlicher
Ausbildung und überkrustet von einer
weiteren Lage aus braunem Calcit,
Bildbreite 4 cm
Muschlschill
Außergewöhnliches Stück einer muschelreichen Bank aus
dem Unteren Muschelkalk,
Bildbreite 10 cm
Kalk mit Bleichungshof
Kalkstein, randlich von dem Kluftnetz entfärbt (gebleicht),
aufgenommen am 30.05.2013


 

Homburg (Triefenstein):
In Homburg steht auf einem Kalkfelsen (Kalksinter) ein kleines Schloss. Dieser Kalkfelsen ist eine Bildung aus rezentem Süßwasserkalk (Kalktuff), wie man unterhalb des weithin sichtbaren Bauwerkes sehen kann (am besten von der Mainseite aus). Im Innern des Felsens befindet sich auch eine Grotte mit Tropfsteinen, ausgebaut zu einer Kapelle (durch eine Treppe neben dem Schloss zugänglich).
Das Wasser einer Quelle führt größere Mengen an gelösten Calcium ("Kalk"), der sich dann beim Kontakt mit der Atmosphäre unter Hilfe von Pflanzen (wie Algen, Moose, aber wohl auch Bakterien) abscheidet. Dieser über Jahrtausende zu verfolgende Vorgang bildet dann diesen wachsenden Felsen. Das Überkragen der Bildungszone führt zur Entstehung von Hohlräumen, die dann zu Tropfsteinhöhlen werden können.
Das spätere Durchsickern mit Wasser und die fortwährende Abscheidung von Kalk führt dann zur Bildung des bekannten Gesteins Travertin (aus anderen Orten wird dieser zu Platten gesägt und wegen der hübschen Bänderung an Fassaden montiert).

Ort Homburg mit dem Felsen und dem Schloss
Blick vom Kallmuth auf den Ort Homburg mit dem Main
und dem Schloss auf dem markanten Felsen

Der Vorgang der reztenten Kalkabscheidung ist noch zu sehen, da man auf der Nordseite das kalkhaltige Wasser über einen wachsenden, runden, durch Bewuchs grünlichen Felsen laufen lässt.


Grenze Buntsandstein - Muschelkalk!
Im Weinberg des Hombuger Kallmuth ist am Zippammerweg ein phantastischer Aufschluss des Grenzgelbkalkes zu sehen: Unten die obersten Schichten des Buntsandsteins, daürber die untersten Lagen des Muschelkalks! Es ist in der Region die einzige Stelle, an der man mit den Füßen auf dem obersten (festländisch entstandenen) Buntsandstein steht und mit den Händen den marin entstandenen Muschelkalk greifen kann.

Grenze Buntsandstein- Muschelkalk Grenze Muschelkalk/Buntsandstein
Die Weinreben wachsen auf den Röttonen des Oberen Buntsandsteins,
darüber die Geländeversteilung und die kahlen Felsen bestehen aus dem
Unteren Muschelkalk, aufgenommen am 30.09.2012.
Der Zipammerweg verläuft genau über die Grenze des Grenzgelbkalks,
aufgenommen am 10.02.2008. 


Kulturrundweg "Wein & Stein" Triefenstein Route 2
Der etwa 8,5 km lange Weg erschließt den Kallmuth, das Zementwerk der HeidelbergCement im Unteren Muschelkalk, den Schlossfelsen im Homburg und das Museum Papiermühle Homburg. Der Weg wurde unter reger Teilnahme der Bevölkerung und der lokalen Politik am 30.09.2012 eröffnet; es kamen bei herrlichem Herbstwetter über 250 Wanderer! Eine Arbeitsgemeinschaft unter Leitung von Frau Nöth und Dr. Gerrit Himmelsbach vom Archäologischen Spessartprojekt plante die Ziele, Wegführung und die Tafeln. 

Bildergalerie von der Eröffnung:

Dreifaltigkeitssäule Lengfurt Lengfurt Marktplatz 2009
Die Segnung der aus Sandstein (Buntsandstein) bestehenden Dreifaltigkeitsstäule von 1728 auf dem Marktplatz in Lengfurt am 30.09.2012 bei Frühnebel,
rechts daneben die einem Obelisken nachempfundene Säule von der Renovierung 2012 am 31.08.2009 aus einer anderen Perspektive.

Zementwerk Lengfurt Steinbruch Unterer Muschelkalk Lengfurt
Die Abkürzung führte mitten durch die Anlagen des Zementwerks der Fa. HeidelbergCement und dessen großer Steinbruch am 30.09.2012,
der den Unteren Muschelkalk in seiner gesamten Mächtigkeit von ca. 80 m erschließt. Der Aussichtspunkt ist nach einem steilen Anstieg erreichbar.   

Bachladen Patrik Nitzke
Schriften, Faltblätter und Bücher gab´s bei Patric Nietzke aus Triefenstein
aus einem Bauchladen, wie ich ihn aus meiner Kindheit vom Kino und
Fußballplatz mit Kaugummi und Zigaretten kenne!

Museum Papiermühle Homburg
Das Museum Papiermühle Homburg aus dem Jahr 1807 am 30.09.2012

Schlossfelsen Hormburg Kalktuff
Der aus Kalksinter (Kalktuff) bestehende Schlossfelsen in Homrburg mit seinen Höhlen aus rezemtem Kalk. Der Kalk wurde abgebaut und fand
Verwendung in der Decke der Residenz von Würzburg und der Glasproduktion des spessarter Glashütten in der Neuzeit, aufgenommen am
30.09.2012. Der Abbau wurde erst im 18. Jahrhundert eingestellt, nachdem die Gebäude auf dem Felsen Risse zeigten. 

Kalksinter geschliffen Kalksinter nah
Geschliffen und poliertes Stück des porösen Kalksinters, links Bildbreite 8 cm, rechts ein Ausschnitt Bildbreite 2 cm
(das Stück wurde freundlicherweise von Familie Trabel aus Homburg aus alten Beständen zur Verfügung gestellt).

Wasserleitung mit Kalksinter
Ein 10 cm langer Abschnitt einer Wasserleitung in DN 200 aus Homburg
(geborgen von der Baufirma Michael Trabel aus Triefenstein und gesägt
vom Steinmetz Ralf Detzner in Großkrotzenburg). Diese unglaubliche Menge
an einem sehr porösen Kalksinter hat sich in einer kurzen Zeitspanne von
nur ca. 20 Jahren gebildet!

Schlossplatz Homburg
Die Speisung der 250 hungrigen Wanderer auf dem Schlossplatz in Homburg -
bei sonnigem Wetter und Musik. Neben Zwiebelkuchen gab es Kochkäse und
Kürbissuppe, dazu Wein und Most, aufgenommen am 30.09.2012.

Organisation

Das Gespräch zwischen den Machern: (v. l.) Johannes Follmer vom Museum
Papiermühle Homburg. Patric Nietzke vom Tourismus-Verband Triefenstein
und Dr. Gerrit Himmelsbach vom Archäologsichen Spessartprojet
Aschaffenburg (im Vordergrund der Sohn) am 30.09.2012.


Literatur:
GEYER, G. (2002): Geologie von Unterfranken und angrenzenden Regionen.- Fränkische Landschaft Arbeiten zur Geolgraphie von Franken Band 2, 588 S., 234 Abb., 5 Tab., 1 Geologische Karte lose im Anhang, [Klett-Perthes] Gotha.
LORENZ, J. mit Beiträgen von M. OKRUSCH, G. GEYER, J. JUNG, G. HIMMELSBACH & C. DIETL (2010): Spessartsteine. Spessartin, Spessartit und Buntsandstein – eine umfassende Geologie und Mineralogie des Spessarts. Geographische, geologische, petrographische, mineralogische und bergbaukundliche Einsichten in ein deutsches Mittelgebirge.- s. S. 123ff, 628.
LOTH, G., GEYER, G., HOFFMANN, U., JOBE, E., LAGALLY, U., LOTH, R., PÜRNER, T., WEINIG, H. & ROHRMÜLLER, J. (2013): Geotope in Unterfranken.- Erdwissenschaftliche Beiträge zum Naturschutz Band 8, S. 88ff, 94f, zahlreiche farb. Abb. als Fotos, Karten, Profile, Hrsg. vom Bayerischen Landesamt für Umwelt, [Druckerei Joh. Walch] Augsburg.
MATTHES, S. & OKRUSCH, M. (1965): Spessart.- Sammlung Geologischer Führer Band 44, S. 171 f, Berlin.
MÜLLER, E., KUHN, B. & NÖTH-GREIS, G. (1998): Rettersheim. Chronik eines kleinen Dorfes.- Beiträge zur Geschichte des Marktes Triefenstein Band 5, 303 S., zahlreiche, teils farb. Abb., Gemeinde Markt Triefenstein, [Hinckel-Druck] Wertheim.
OKRUSCH, M., GEYER, G. & LORENZ, J. (2011): Spessart. Geologische Entwicklung und Struktur, Gesteine und Minerale.- 2. Aufl., Sammlung Geologischer Führer Band 106, VIII, 368 Seiten, 103 größtenteils farbige Abbildungen, 2 farbige geologische Karten (43 x 30 cm) [Gebrüder Borntraeger] Stuttgart.
SCHWARZMEIER, J. (1980): Geologische Karte von Bayern 1:25000 Erläuterungen zu Blatt Nr. 6023 Lohr a. Main.- 159 S., 23 Abb., 5 Tab., 6 Beilagen, 1 Karte, Bayerisches Geologisches Landesamt München.

*im Gegensatz zu den magnesiumhaltigen permischen Kalken und Dolomiten des westlichen Spessarts.


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