Der Buchit* und die Sandstein-Säulen
 
im Basalt-Steinbruch bei (Biebergemünd)Kassel
im nordwestlichen Spessart.
 

von Joachim Lorenz, Karlstein a. Main


neuer Schurf
Der kleine, alte und völlig überwachsene Steinbruch -
nach derm Herstellen des neuen Schurfs am 07.03.2009.

Buchit von Kassel
Buchit als dunkles, schlieriges Gesteinsglas im brekziierten Sandstein mit verwittertem Basalt,
angeschliffenes Stück,  Bildbreite ca. 35 cm (ehemals im Heimatmusem Biebergemünd)

*Buchite (nach dem berühmten Geologen Leopold von BUCH 1774 – 1853) sind pyrometamorph gebildete Gesteinsgläser die beim Kontakt einer basaltischen Schmelze mit Sandstein entstehen. Sie bestehen vorwiegend aus Glas mit einem ganzen "Zoo" an neu gebildeten Mineralien wie Mullit, Spinell, Magnetit, Tridymit, Cordierit, Klinopyroxene und andere. Diese sind aber nur im Dünnschliff unter dem Mikroskop bei hoher Vergrößerung sichtbar - siehe unten.



Lage:
„Blauer Steinbruch“ unweit des Forsthauses Kassel (Biebergemünd), ca. 250 m östlich davon (TK 5821 Bieber, siehe Okrusch et al. 2011, S. 208, Aufschluss Nr. 100) am Ende der Villbacher Straße. Das ansteigende Gelände des ehemaligen Steinbruches ist weitgehend verfallen und nur an einer Stelle sind noch Sandsteinfelsen zu erkennen. Rechts und links des Weges finden sich die Halden. Am Weg wurde eine Tafel des Kulturrundweges „Kelten im Kasselgrund“ als Nr. 5 aufgestellt. Davor sind 2 große Basaltsäulen (diese stammen nicht aus dem Steinbruch, sondern vermutlich aus dem nahen Vogelsberg; sie gehören nicht hierher und sollten entfernt werden; Anschauungsmaterial ist im Steinbruch reichlich vorhanden.) positioniert worden:
Tafel Kulturrundweg neue Tafel
Am Sonntag, den 17.04.2016 wurde im Rahmen einer Führung von Peter WARMBOLD vom Geschichtsverein Biebergemünd die neue Tafel ihrer Bestimmung übergeben (wenn Sie das Bild der Tafel anklicken öffnet sich eine Datei, so dass man den Text lesen kann).

Das Betreten des Steinbruches erfordert nach Regen oder Nässe mindestens knöchelhohe Schuhe oder besser Gummistiefel. Das letzte Stück bis zum neu geschaffenen Aufschluss ist sehr steil und nicht behindertengerecht. 


Geologie:
Im Tertiar (genauer ist das nicht bekannt) stiegen basaltische Schmelzen in den hier viele hundert Meter mächtigen Sandstein auf (wie am Beilstein bei Villbach und bei Bad Orb (Madstein und Hoher Berg)). Ob die Schmelze die damalige Landoberflächer erreichte ist nicht bekannt. Damit weiß man auch nicht, ob die Stelle als Vulkan zu bezeichnen wäre. Wann das genau geschah, ist derzeit noch nicht bekannt, wird aber im Zuge weiterer Untersungen mittels Isotopen, wie dem 40K, ermittelt (das Alter sollte mehr als 40 und jünger als 80 Millionen Jahre betragen).
Die ca. 1.150 °C heiße Gesteinsschmelze drang in den kalten Sandstein ein und reagierte damit. Einerseits wurde der Sandstein mechanisch brekziiert, angeschmolzen und es bildete sich im direkten Kontakt ein braunes bis graues Gesteinsglas, welches als Buchit, bezeichnet wird. Der unscheinbare Buchit enthält zahlreiche Mineralneubildungen wie Mullit, Cordierit, Pyroxen, Magnetit und andere Phasen in mikroskopischen Abmessungen. Dabei sind alle denkbaren, fließenden Übergänge zwischen den Gesteinen zu beobachten; es ist im Handstück im Steinbruch oft schwer, zu entscheiden, was das ist. In etwas größerer Distanz wurde der Sandstein gefrittet, d. h. angeschmolzen, aber die Quarzkörner des Sandsteins sind noch sichtbar.
Beim langsamen Abkühlen über einige Jahre bildeten sich Kontraktionsrisse, die den Sandstein zu einem polygonalen Muster zerlegten, so dass es dort Sandstein-Säulchen gibt, was sonst nur von den Basalten oder Rhyolithen bekannt ist. Dies ist eine extrem seltene Besonderheit, die man in dem neu geschaffenen Schurf wieder sehen kann. Dabei stehen die Säulen senkrecht zur Abkühlungsfläche; da der Basalt weitgehend abgebaut wurde, sieht man heute auf die Strirnseiten der Säulen. 

Sandstein-Buchit-Brekzie Basalt aus Kassel
Links: Buchit mit Basalt im brekziierten Sandstein in unterschiedlicher Orientierung, angeschliffen und poliert;
Bildbreite ca. 8 cm,
rechts Basalt aus dem Steinbruch bei Kassel, angeschliffen und poliert,
Bildbreite ca. 12 cm

gefritteter Sandstein gefritteter Sandstein in Säulen
Gefritterer Sandstein mit dunklem Buchit,  (angeschliffen und poliert, Bildbreite ca. 15 cm),
rechts das Vorkommen von gefrittetem, brekziösem Sandsteinen als polygonale Säulen und teils als grauer bis brauner Buchit im Steinbruch (Hammer als Maßstab)

Blick durchs Mikroskop
Der Blick durch´s Polarisationsmikroskop bei linear polarisiertem Licht offenbart in dem natürlichen Glas Buchit einen ganzen
"Zoo" an kristallinen winzigen Neubildungen wie Mullit (feiner Nadelfilz), Cordierit (farblose Täfelchen, siehe ganz unten),
Pyroxen und Magneti (schwarz)t neben einigen "unverdauten" Quarzkörnern aus dem Sandstein,
Bildbreite 1 mm.

Sandstein-Säulen Sandsteinsäulchen
Polygonale Sandsteinsäulen, links anstehend im Steinbruch nach der Freilegung mit dem Bagger (rechts befand sich früher der Basalt,
der zur Schottergewinnung abgebaut wurde), rechts kleine Sandsteinsäulen in der Sammlung,
Bildbreite ca. 17 cm


Sandstein-Label
Alter, geduckter Sammlungszettel der Mineralienhandlung Dr. F. Krantz in Bonn mit Rahmen auf einem sehr stabilen, dicken Karton mit einem handschriftlichen Eintrag in französischer Sprache, dem man dem Vorkommen von Kassel zuordnen kann; Übersetzung: "Buntsandstein prismenfömig durch Basalt [mit Resten der Schichtung], Spessart. Bayern Nr. 15".
Anmerkung:
Aufgrund des Aufdruckes des Labels ist dieser nach 1890 entstanden und vermutlich vor 1910. Kassel ist das einzige Vorkommen im Spessart, von dem prismatische Sandstein-Säulen aus einem Kontakt zum Basalt lange bekannt sind. Sicher liegt (Biebgemünd-)Kassel nicht in Bayern, aber aus Bonner Sicht ist der größte Teil des Spessarts bayerisch. Der Verbleib des zugehörigen Stückes ist nicht bekannt; den Hinweis zu dem Zettel verdanke ich dem bekannten Mineraliensammler Karlheinz Gerl, Oberkotzau, 25.10.2012. 


Geschichte:

Das gangförmige, ca. 30 m mächtige Basaltvorkommen wurde bereits um 1825 entdeckt und sehr knapp in einer Auflistung angeführt. Der erste gute Beschreibung lieferte der Mineraloge Hugo Bücking 1892, der auch mittels Dünnschliffen die Mineralien in den neu gebildeten Gläsern erwähnt. Sonst ist die vorhandene Literatur sehr spärlich und eine moderne Beschreibung der Gesteine fehlt.
Dass das Gestein beim Bau der Fernwasserleitung nach Frankfurt (1875) Verwendung gefunden haben soll (wie auf der Erläuterungstafel beschrieben), ist unwhrscheinlich, da zu diesem Zeitpunkt der Steinbruch bereits unergiebig war. Der benachbarte, stark geklüftete Sandstein war unerwünscht und wurde auf Halden verworfen und damit Teile des Steinbruches wieder verfüllt.
Im Zuge der Errichtung des Kulturrundweges 2005 wurde ein Teil der Vegetation zurück geschnitten. Am 23.02.2007 wurde vom Geschichtsverein Biebergemünd e. V. unter Leitung von Herrn Albrecht STAAB mit einem Bagger ein Teil der Vegetation weggeschoben und 3 Löcher angelegt, wo man den Kontakt vermutete. Wie eine Begehung am 03.03.2007 nach den sehr reichlichen Regenfällen zeigte, leider die falschen Stellen und an der "richtigen" Stelle wurde zu wenig Abraum weggebaggert. Aber es konnte ein ca. 30 kg schwerer Sandstein mit Buchit geborgen werden, der heute im Museum in Bieber liegt.
Eine Stelle im Aufschluss wurde durch Absprache von Josef ACKER aus Kassel am 07.03.2009 vom Geschichtsverein Biebergemünd wieder freigelegt, so dass der Gesteinsverband wieder sichtbar ist. Die Besonderheit sind gefrittete bis aufgeschmolzene Sandsteine mit Buchit und kleinsäulig absondernde Sandsteine (!) im Kontakt zum Basalt. Die Lokalität ist ein Geotop von besonderem Wert, ähnlich der berühmten Blauen Kuppe bei Eschwege.

Baggerarbeiten Baggerführer Dieter Becker Arbeiter
Der Beginn der Aufwältigungsarbeiten am 07.03.2009, der die Maschinen bis an die Grenzen des Machbaren forderte; rechts der virtuos arbeitende Herr Dieter Becker von der Fa. Baustoff Becker (auch Erdbau und Holztransporte) in Biebergemünd-Kassel, hier neben der frisch frei gelegten Steinbruchswand; ganz rechts die beteiligten Akteure (von  links Josef ACKER, Dieter BECKER, Friedel WAIDNER und Joachim LORENZ; es fehlt Albrecht STAAB) vor der fertig gestellten Steinbruchwand mit Basalt und Buchit. 

Wichtiger Hinweis und Bitte:
Es wird gebeten, dass man(n)/frau an der neu geschaffenen Wand keine Proben entnimmt, so dass alle Besucher möglichst lange den gleichen Eindruck der Verhältnisse sehen können. Der Aushub von mehreren Kubikmetern wurde davor so platziert, dass über Jahre anschauliche Proben gefritteter Sandsteine und kleine Säulchen aufgesammelt werden können.
Der bedeutende Aufschluss wurde inzwischen als wertvolles Geotop vom Hessischen Landesamt für Umwelt und Geologie in Wiesbaden gelistet und wird als eindrucksvoller angesehen, als die berühmte Blaue Kuppe bei Eschwege.

Mitarbeiter des Forstes haben inzwischen eine benachbarte Buche gefällt und damit den Schattenwurf durch den Baum entfert, so dass die Sonne die Steinbruchwand dauerhaft erreichen kann. Danke dafür!


Führung im Steinbruch am 05.04.2009
Für die Mitglieder der Geschichtsvereins und Interessierte aus der gesamten Region (sogar aus Offenbach kamen Besucher!) fand am Sonntag, den 05.04.2009 eine Führung durch Joachim Lorenz statt. Der Geschichtsverein rief und es kamen etwa 80 Erwachsene mit einigen Kindern! Während dieser kurzen Exkursion wurde in einer 3/4 Stunde über den bunten Sandstein, den Basalt, den Kontakt und die historische Erforschung des einzigartigen Aufschlusses gesprochen. Bei sonnigem und warmen Frühlingswetter konnte man sogar auf die sonst notwendigen Gummistiefel verzichten.

Literatur:

BÜCKING, H. (1892): Der Nordwestliche Spessart.- Abhandlungen der Königlich Preussischen geologischen Landesanstalt, Neue Folge 12, VIII + 274 S., 1 geolog. Karte, 3 ausklappbare Tafeln mit 11 farbigen Profilen, [S. Schropp´schen Hof-Landkartenhandlung] Berlin.
GRAPES, R. (2006): Pyrometamorphism.- 275 p., 192 figs., [Spinger Verlag] Berlin.
LORENZ, J. & OKRUSCH, M. (2010): Der Buchit vom Kasselgrund (Gemeinde Biebergemünd) im Spessart - ein bemerkenswertes Kontaktgestein. Durch die basaltische Schmelze im Sandstein entstanden auch Sandsteinsäulen. - S. 55 - 65, 13 Abb., in: Die Alteburg bei Biebergemünd-Kassel. Geologische und historische Besonderheiten am Kulturweg "Kelten im Kasselgrund.- 65 S., [Geschichtsverein Biebergemünd e. V.] Biebergemünd.
LORENZ, J. mit Beiträgen von M. OKRUSCH, G. GEYER, J. JUNG, G. HIMMELSBACH & C. DIETL (2010): Spessartsteine. Spessartin, Spessartit und Buntsandstein – eine umfassende Geologie und Mineralogie des Spessarts. Geographische, geologische, petrographische, mineralogische und bergbaukundliche Einsichten in ein deutsches Mittelgebirge.- s. S. 144, 611ff.
MATTHES, S. & OKRUSCH, M. (1965): Spessart.- Sammlung Geologischer Führer Band 44, S. 156f, Berlin.
OKRUSCH, M., GEYER, G. & LORENZ, J. (2011): Spessart. Geologische Entwicklung und Struktur, Gesteine und Minerale.- 2. Aufl., Sammlung Geologischer Führer Band 106, VIII, 368 Seiten, 103 größtenteils farbige Abbildungen, 2 farbige geologische Karten (43 x 30 cm) [Gebrüder Borntraeger] Stuttgart.



Die Alteburg bei Kassel:

Nur ca. 1 km entfernt ist der Berg Alteburg, auf dessen Gipfel sich ein imposanter, ca. 1,1 km langer keltischer Ringwall mit Graben und 2 Toren befindet. In dem Bereich wurde 2004 eine Ausgrabung in Zusammenarbeit mit dem Geschichtsverein von Biebergemünd veranstaltet. Der Befund mündete in eine wenige m lange Rekonstruktion der Mauer aus Holz und Sandstein (mörtelloses Trockenmauerwerk), so dass man sich ein Bild machen kann, wie die Anlage vor mehr als 2500 Jahren ausgesehen hat. Dabei handelte es sich um eine Höhensiedlung, die sicher über einen längeren Zeitraum bewohnt war. Neben einem eisernen Tüllenbeil fand man auch römische Keramik.
Das größte Bauwerk in Biebergemünd ist durch den Kulturrundweg „Kelten im Kasselgrund“ erschlossen und mehrere Tafeln erläutern die keltischen Bewohner.

 Mauer Alte Burg
Die Rekonstruktion der Mauer um die Alteburg bei Kassel (Biebergemünd), aufgenommen am 17.04.2011.



Cordierit
Der Cordierit in Kassel ist eine Besonderheit im Spessart, aber nur mit dem Mikroskop zu sehen. Aus anderen Regionen und Gesteinsvorkommen sind größere Kristalle bekannt: 

Cordierit Norwegen
Blick auf die Spaltflächen eines größeren Cordierit-Kristalls im Quarz eines
Pegmatits, gefunden 1979 in Tvedestrand, Süd-Norwegen, 
Bildbreite 8 cm

Das Mineral Cordierit (benamt nach dem französischen Bergbauingenieur und Geologen Pierre Louis A. CORDIER *1777 1861) gehört zur Klasse der Kettensilikate mit der idealisierte chemischen Zusammensetzung (Mg,Fe)2[Al4Si5O18]. Es ist etwas härter als Quarz und lässt sich spalten. Cordierit kommt in Gneisen, Graniten und Pegmatiten, aber auch in Erzlagerstätten vor. Das oft bläuliche Mineral bildet sechsseitige Kristalle aus, die in seltenen Fällen bis zu 20 cm lang werden können. Eine wirkliche Besonderheit ist die optische Eigenschaft des Pleochroismus, der an manchen Kristallen mit dem bloßen Auge im Durchlicht wahrgenommen werden kann: von einer Seite ist der Kristall violettblau und nach einer Drehung um 90° ist der rauchgrau!  

Cordierit Cordierit
Cordierit, geschliffen im Gegenlicht in unterschiedlicher Orientierung, so dass die verschiedenen Farben des Pleochroismus zu sehen sind, ohne Fundort,
Bildbreite 2,5 cm


Zurück zur Homepage oder zum Anfang der Seite