Marmor und Silikatmarmor im Spessart!
Das Kalkspat-Bergwerk "Schacht Heinrich"
zwischen Schweinheim und Gailbach
bei Aschaffenburg

von Joachim Lorenz, Karlstein a. Main


Marmorwand
aufgenommen am 13.12.2002

Hier sieht man die sehr steil stehenden, angewitterten Marmorlagen in dem Vorkommen zwischen Schweinheim und Gailbach bei Aschaffenburg. Dieser Marmor  wurde hier im 19. und 20. Jahrhundert - auch untertägig - abgebaut. Ein langer, tiefer Steinbruch ist als Zeuge übrig.




Marmorsteinbruch
Die westliche Steinbruchwand mit dem zugemauerten Mundloch.
Sie wurde für den Rundweg "Marmor, Stein und Spessartit" vom Bewuchs freigelegt,
so dass die Besonderheit der weißen Wand gut sichtbar ist,
aufgenommen am 08.10.2005

.
Infotafel am Zugang zum Steinbruch
Für den leichten Zugang wurde eine sichere Treppe und ein Weg angelegt,
und eine Informationstafel angebracht,
aufgenommen am 08.10.2005
 

Lage:

Schacht "Heinrich" (ehemaliger, schluchtförmiger Steinbruch im Marmor, der später untertägig fortgeführt wurde), ca. 700 m SE der Dümpelsmühle und südlich der Elterhöfe. Zugang über die Straße von Aschaffenburg-Schweinheim nach Gailbach, gegenüber einer Bushaltestelle (siehe Okrusch et al. 2011 S. 186, Aufschluss Nr. 76).
Die überwchsenen und kaum mehr erkennbaren Halden befinden sich unmittelbar an der Straße, am ehemaligen Maschinenhaus, von dem auch nichts mehr zu sehen ist.. Das Gelände ist sehr stark verwachsen (nach MATTHES & OKRUSCH war es dies schon 1963!) und ist also nicht ungefährlich, wie die an der Wand abgebrochenen Felsmassen belegen! Der nördöstliche Rand des Steinbruches wird als "Biomüllplatz" von den Landwirten genützt. Im tiefsten Teil rostet und gammelt Hausmüll vor sich hin.

Untertagezugang
aufgenommen am 13.12.2002
Der Aufschluss ist seit mind. 50 Jahren aufgelassen und sehr stark verwachsen, aber mit etwas Mühe wegen des dichten Pflanzenwuchses zugänglich. Das Stollenmundloch ist zugemauert, wurde aber auch aufgebrochen und ist das Innere bedingt zugänglich. Eine Befahrung der Weitungen zum Sammeln von Mineralien ist sinnlos, weil das Gestein im Innern auch nicht frisch ist. Wie aus den Hinterlassenschaften geschlossen werden kann, werden die Höhlungen temporär von Wohnsitzlosen benützt.
 

Historie:
Um 1870 begann man den Abbau für die Zellstoff-Fabrik in Aschaffenburg Damm, die den Kalk für die Papierherstellung verwandte. Man baute nur nach Bedarf ab.
Erst im Spätsommer des Jahres 1928 übernahm die Fa. Spessart-Industrie Aschaffenburg den Abbau im Tagebau und gegen Ende des Jahres im Untertagebau.
Die bis zu 200 m langen Strecken wurden ausgebeutet, verfüllt und dann darüber wieder abgebaut. 1929 traten massive Wasserzuflüsse auf, für die man weitere Pumpen installieren musste. 1942 war der Wasserzufluss so groß geworden dass die Pumpen das Wasser nicht mehr sümpfen konnten. Dies war wohl der wesentliche Grund für das Einstellen des Bergwerkes.
Mit der Anlage des Kulturrundweges "Marmor, Stein und Spessartit" in Gailbach wurde im Herbst 2005 der Bewuchs des in Gailbaches "Weißer Steinbruch" genannten Lokalität entfernt und ein guter Zugang angelegt.

Schacht-Pinge
Die einst gefährliche Schachtpinge am 11.01.2003

Die Einbrüche und der Schacht wurden dabei gesichert, so dass ein gefahrloser Besuch möglich ist. 

 

Geologie:

Im Raum Schweiheim - Gailbach - Bessenbach - Klingerhof - Haibach stehen innerhalb der Schweiheim-Elterhof-Formation (kristalline Schiefer, Amphibolite, Quarzite, ....) an vielen Stellen Marmore an. Diese werden von wenigen dm bis max. 20 m mächtig und sind von stark schwankender Zusammensetzung. Die nicht reinweißen Partien enthalten reichlich silikatische Mineralien (siehe Bild und Liste unten).
Es handelt sich bei dem Marmor wohl um prävariskische dolomitische bis kalkige Sedimente (z. B. Korallenriffe), die lagenweise reich an anderen Bestandteilen waren (Sand, Ton, Mergel, ....). Diese Sedimente (es gibt sie übrigens auch im Odenwald) wurden während der variskischen Gebirgsbildung durch Hitze und Druck (Metamorphose) zusammen mit den diese umgebenden Gesteinen zu den Marmoren und Silikatmarmoren umgewandelt. Dies ist auch der Grund warum die Marmore aus dem Spessart nicht der üblichen Vorstellung von Marmor im Sinne der weißen, polierfähigen Gesteine* entsprechen. Eine diesbezügliche Nutzung als Werksteine gab es wohl auch nicht.

Marmor
Im Bild oben sieht man ausgesucht weiße Marmore vom Schacht Heinrich bei Gailbach. Links die rauhe Bruchfläche eines weißen, nahezu fremdmineralfreien Marmors aus den hier sehr groben Calcit-Körnern (bis 1 cm), deren glänzende Spaltflächen das "zuckerkörnige" Gefüge erzeugen. Im Bild rechts sieht man die geschliffen und polierte Fläche eines Marmors. Hier sind Lagen erkennbar, die unterschiedlich große Gehalte an anderen Mineralien enthalten und sich deshalb farblich etwas abheben. Der dunkle Streifen ist eine Störung. Die schwarzen Punkte sind alterierte Mineralien. Die Außenflächen beider Stücke sind sehr rauh durch das Anlösen der Karbonate durch das Regenwasser (Haldenfunde).
Die Bildbreite beträgt ca. 25 cm.
 

Die Marmore aus dem Spessart wurden wohl ausschließlich als Zuschlagstoff für die chemisch Industrie, für die Papierfabrikation und zur Herstellung von Steingut im 19. und 20. Jahrhundert abgebaut. Dazu wurde das Gestein am Ort gebrochen, weshalb in den alten topgraphischen Karten noch die Schrift "Schotterwerk" am Heinrichschacht bei Gailbach aufgeführt war. Näheres über den Abbau ist mir nicht bekannt.
 

Silikatmarmor
In dem ca. 20 cm breiten Marmor-Stück erkennt man die normale, typische Ausbildung der spessarter Marmore. Helle, Calcit-reiche Partien ohne weitere Mineralien wechseln mit silikatischen Lagen ab. Die dunklen Punkte sind kleine Kristalle eines Schichtsilikates (siehe Liste unten) und waren früher wahrscheinlich ein Chondrodit (siehe Abb. ganz unten zum Vergleich).
 

Mineralien:

Viele Mineralien wurden aus den Marmoren in der vorwiegend älteren Literatur beschrieben. Es handelt sich dabei um die mehr oder minder großen Einschlüsse in einer Calcit-Matrix, oft nur unter dem Mikroskop im Dünnschliff erkennbar. Idiomorphe Kristalle sind selten und Drusen kamen wohl kaum vor. In den älteren Sammlungen deutscher Universitäten und Istitute finden sich kaum Belegstücke:
 


Infolge der leichten Verwitterung des Marmors und der schlechten Aufschluss-Situation lassen sich die oben aufgeführten Mineralien kaum mehr auffinden. Der grösste Teil konnte auch in all den Jahren von mir nicht gefunden und somit auch nicht überprüft werden. In öffentlichen Sammlungen wurde kaum Material aus der Betriebszeit hinterlegt.
 

Aktuelle Situation:

Der inzwischen weiter verfallene Schurf am Heinrich-Schacht erbringt keine der angeführten Mineralien mehr. Aber Vorsicht - das Steinbruch-ähnliche Gelände wird seit mind. 40 Jahren nicht mehr bebaut. Es ist mit großer Vorsicht zu betreten! Von der Absperrung aus ist jetzt die weiße Wand des Steinbruches sehr schön zu sehen.

Auch die anderen Marmorvorkommen der Region sind nicht besser aufgeschlossen und es gab weitere untertägig bebaute Stellen (bei Gailbach und am Klingerhof). Man kann allenfalls noch Marmorbrocken auf Wegen und seltener bei Bauarbeiten bergen. Da diese kaum durch eine besondere Struktur oder durch eine auffallende Farbe bestechen oder idiomorphe Kristalle aufweisen, werden diese auch kaum gesammelt.
 

*Stichwort Marmor:
Marmor im gesteinskundlichen Sinn sind metamorphe Kalke und Dolomite die es in der Natur oft in einer rein weißen Form gibt (z. B. die berühmten Steinbrüche in der Umgebung von Carrara, Oberitalien). Man erkennt sie am "zuckerkörnigen" Gefüge der Spaltflächen der Calcitkristalle. Man nutzt aber auch hier nur die besten Partien für die Herstellung von Marmorprodukten. Je nach der Zusammensetzung des Ausgangsgesteins gibt es weltweit eine unglaubliche Fülle von Marmoren in fast allen Farben und mit einer großen Variabiliät der Zusammensetzung.
Aber Industrie und Handwerk der Steingewinnenden und ~verarbeitenden Zunft bezeichnet nahezu jedes polierfähiges Gestein als "Marmor", meist um eine Aufwertung zu erfahren (im Gegensatz dazu ist alles andere dann eben ein "Granit"). So ist der für Fensterbänke und Treppenstufen oft zu eingebaute "Treuchtlinger Marmor" ein Kalkstein - erkennbar an der Fossilien. Diese wären nach einer Metamorphose nicht mehr vorhanden. Die heute hier verwendeten Rohsteine kommen aus der ganzen Welt nach Deutschland und werden dann meist zu Platten verarbeitet. Je nach Aussehen und Seltenheit können echte Marmore dann erhebliche Preise erzielen. Der Interessent wird auf den nächsten Friedhof oder ein Geschäft der (Grab-)steinindustrie verwiesen. Wem das nicht reicht, dem sei der Besuch der alle zwei Jahre stattfindenden Messe "stone + tech" in Nürnberg empfohlen. 
Das sichere Erkennen von Marmoren im petrographischen Sinne ist im Handstück nicht immer leicht möglich. Selbst im Spessart kommen metasomatsich veränderte Sedimente des Zechsteins, die selbst im Dönnschliff nur schwer von einem Calcit- bzw. Dolomit-Marmor unterschieden werden. Hinweise sind dann die typischen metamorphen Nebenbestandteile. 
 

Literatur:

GÜMBEL, K. W. von (1894): Geologie von Bayern. Geologische Beschreibung von Bayern.- II. Band, S. 612 ff, mit zahlreichen Zeichnungen und Profilen im Text und einer Geologische Karte von Bayern als gefaltete Beilage, [Verl. v. Theodor Fischer] Cassel.
LORENZ, J. mit Beiträgen von M. OKRUSCH, G. GEYER, J. JUNG, G. HIMMELSBACH & C. DIETL (2010): Spessartsteine. Spessartin, Spessartit und Buntsandstein – eine umfassende Geologie und Mineralogie des Spessarts. Geographische, geologische, petrographische, mineralogische und bergbaukundliche Einsichten in ein deutsches Mittelgebirge.- s. S. 647ff, 791.
LOTH, G., GEYER, G., HOFFMANN, U., JOBE, E., LAGALLY, U., LOTH, R., PÜRNER, T., WEINIG, H. & ROHRMÜLLER, J. (2013): Geotope in Unterfranken.- Erdwissenschaftliche Beiträge zum Naturschutz Band 8, S. 49,  zahlreiche farb. Abb. als Fotos, Karten, Profile, Hrsg. vom Bayerischen Landesamt für Umwelt, [Druckerei Joh. Walch] Augsburg.
MATTHES, S. & OKRUSCH, M. (1965): Spessart.- Sammlung Geologischer Führer Band 44, S. 123 f, Berlin.
MOSEBACH, R. (1934): Die körnigen Kalke von Auerbach-Hochstädten a. d. Bergstraße und der Umgegend von Aschaffenburg.- Senckenbergiana, Bd. 16, Nr. 4/6, S. 175 - 188, Frankfurt.
MOSEBACH, R. (1934): Die kontaktmetamorphen Kalke des kristallinen Spessarts.- Chemie der Erde 8, S. 622 - 662, 8 Abb., [Verlag v. G. FISCHER] Jena.
NEUBAUER, D. & REISS, W. (1967): Mineralien aus dem Spessart.- Der Aufschluss 18, S. 215 - 218, Heidelberg.
OKRUSCH, M., GEYER, G. & LORENZ, J. (2011): Spessart. Geologische Entwicklung und Struktur, Gesteine und Minerale.- 2. Aufl., Sammlung Geologischer Führer Band 106, VIII, 368 Seiten, 103 größtenteils farbige Abbildungen, 2 farbige geologische Karten (43 x 30 cm) [Gebrüder Borntraeger] Stuttgart.
WEINELT, W. (1962): Erläuterungen zur Geologischen Karte von Bayern 1:25000 Blatt Nr. 6021 Haibach.- S. 35 ff, S. 194, München.
WEINIG, H., DOBNER, A., LAGALLY, U., STEPHAN, W., STREIT, R. & WEINELT, W. (1984): Oberflächennahe mineralische Rohstoffe von Bayern Lagerstätten und Hauptverbreitungsgebiete der Steine und Erden.- Geologica Bavarica 86, S. 101 - 102, [Bayerisches Geologisches Landesamt] München. 


Chondrodit im Calcit
Gelbe Chondrodit-Körner ((Mg,Fe)5[(F,OH)|SiO4]2) im Calcit eines sehr
frischen Chondrodit-Kalksilikat-Marmors aus Los Hälsingland in Schweden,
Bildbreite 2 cm


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